Tanja Kinkel: "Verführung"

Buchcover Tanja Kinkel "Verführung" (Knaur) Rezension

Ich weiß: Nichts ist so alt wie die Rezension von gestern - und dennoch habe ich letztens einen Schmöker gelesen, den ich nicht unkommentiert lassen möchte. Tanja Kinkel ist eine der bekanntesten deutschen Verfasserinnen von historischen Romanen. Zu Recht wurden ihre unterhaltsam geschriebenen Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt und sie immer wieder dafür gelobt, historische Fakten unterhaltsam aufzubereiten. Auch "Verführung" lässt sich ohne Mühe in einem Zug durchlesen.

Die lebendigen Charaktere, der Wechsel der Schauplätze und die eine oder andere unerwartete Wendung sorgen durchweg für eine unterhaltsame Lektüre - zum Glück auch fast ohne peinliche Erotikszenen. Dabei geht es in der gesamte Geschichte fast ausschließlich um Anziehungskraft, Macht, Verführung und Sex. Tanja Kinkel erzählt von einer italienischen Begegnung im 18. Jahrhundert - vom Verführer Giacomo Casanova, der auf die ehrgeizige Sängerin Angiola Caloria trifft. Angiola steckt als Frau in Männerkleidern, denn nur als Kastrat verkleidet ist es ihr möglich, auf den wichtigsten Bühnen der damaligen Zeit zu singen. Casanova ist sofort fasziniert von dem jungen Menschen und beginnt, das Spiel Angiolas zu durchschauen. Die Wortgefechte, die sich die beiden unterschiedlichen Schauspieler bei ihren Begegnungen liefern, gehören zu den Höhepunkten des Buches.

 

Und dann passiert leider - nichts. Achtung, Spoiler: Die beiden lernen sich kennen und lieben, beschließend dann aber, dass sie nicht wirklich füreinander gemacht sind und gehen getrennter Wege. Damit ist die Geschichte zu Ende. Auch wenn Frau Kinkel in ihrem Nachwort schreibt, sie wollte lediglich die Begegnung zwischen den beiden ungewöhnlichen Charakteren erzählen, ersetzt das erklärte Bemühen den erkennbar fehlenden Rest der Geschichte nicht. Sowohl Casanova als auch Angiola werden durch ihre Kindheit und Jugend begleitet; die Leser erfahren, wie sie ihre Ziele entwickeln, wie die beiden reifen und wie sie schließlich folgenschwere Entscheidungen treffen - nur um dann, an einer entschiedenen Stelle, plötzlich allein gelassen zu werden. Tanja Kinkel hat sich damit an einer Stelle zu einem Schnitt entschlossen, der bei anderen Autoren einer der Höhepunkte, aber keinesfalls das Ende der Geschichte sein würde. Das kann erfahrene Leser entweder begeistern, sie verärgern, oder, wie mich, etwas ratlos zurücklassen.

 

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Tanja Kinkels Autorenhomepage