Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht

Cover des Buches von Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht.  Diogenes 2018
Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht. Diogenes 2018

1986, dem Jahr, in dem die Handlung von "Uns gehört die Nacht" einsetzt, war ich vier Jahre alt. Meine Erinnerungen an die Zeit sind verschwommen, es gibt Farben und Formen und Sprachfetzen, aber kaum etwas Wirkliches.

Ich weiß nicht, wie alt Jardine Libaire, die Autorin des Romans, ist, aber ich stelle mir vor, dass es ihr geht wie mir. Denn sie beschreibt die Stimmung jener Tage ganz ähnlich wie meine Erinnerungen - obwohl es bei ihr um die amerikanische Westküste geht und um die Liebe zweier junger Menschen, beide Anfang zwanzig, beide wissen nicht so recht, was sie mit dem Leben anfangen sollen, "außer es zu leben", wie es in dem Buch heißt.

 

In dem Roman stehen dann Sätze, dahingeworfen wie Farbe auf Leinwand, scheibar ein wenig achtlos, aber mit großer Kunstfertigkeit. "Sie ging wie die Mädchen aus den Lagerfeuergeschichten - folgte einem Klopfen an der Tür, das niemand sonst hörte, und verschwand."

Oder: "Er mag das Einkaufszentrum, auch wenn er keinen der Läden betritt, weil es ein Ort ist, an dem man gleichzeitig sein kann und nirgendwo ist."

Oder: "Sie kommt aus dem Haus wie eine Antwort, mit der man nicht gerechnet hat, nachdem man zu lange über etwas nachgedacht hat."

 

Viele der Sätze möchte ich mir langsam auf der Zunge zergehen lassen, darüber nachdenken, sie hin- und herdrehen bis ich glaube, verstanden zu haben, was das mit mir persönlich, heute, im Jahr 2018 zu tun hat. Doch Libaire hat ihrer Geschichte nicht nur schöne Wörter, sondern auch eine Story mitgegeben, die, zugegeben, nicht so wahnsinnig originell ist: Reicher Schnösel und arme Göre verlieben sich ineinander. Nein, ich verrate nicht, ob es ihnen gelingt, die Standesschranken zu überwinden und gemeinsam glücklich zu werden, oder ob sie an der Gesellschaft zerbrechen. Ist ja auch nicht wichtig, wenn zwischendurch immer wieder so kunstvolle Wortschätze auftauchen.

Lesen wird man das Buch ohnehin bis zum Schluss, wenn man die ersten Seiten mag. Leider setzt die Autorin zwischendurch zu viel auf die Story und zu wenig auf ihre Erzählkunst, aber das ist Geschmackssache. Genau wie das ganze Buch, die Sexszenen und die ewige Geschichte des Erwachsenwerdens. Lohnt es sich also, das Buch zu lesen? Am Ende bleiben in jedem Falle jede Menge Farben, Formen und Sprachfetzen hängen sowie eine leise Erinnerung an die gute alte Zeit, die so  jedoch sicher nie existiert hat.

 

"Uns gehört die Nacht" ist 2018 bei Diogenes erschienen. Auf der Webseite gibt es auch eine kostenfreie Leseprobe.