Mit dem Rad von Aachen ins Herver Land

Herver Land?

Herver Land!

Die ostbelgische Region grenzt an Deutschland und hat für Genussradler eine Menge zu bieten. Dabei ist sie hierzulande so gut wie unbekannt. Auf Einladung von Visit Wallonia hat NRW Alternativ diese besondere Gegend durchradelt – und ist dabei gleich mehrfach überrascht worden.

Die erste Überraschung gibt es gleich bei der Ausfahrt aus Aachen: Es geht nämlich mächtig bergan. „Aachen liegt in einem Talkessel“, erklärt einer der Mitradler, der hier heimisch ist. Darum muss leider, wer aus Aachen hinauswill, immer einmal über den Berg. Das geht aber zügig, und anschließend wird man mit einer tollen Abfahrt belohnt. Steigungen und Abfahrten begleiten uns bei unserer Reise durch das Herver Land. Mal sanfter und mal steiler geht es von Städtchen zu Städtchen. Für sportlich Radfahrende hat das seinen besonderen Reiz, und es wundert nicht, dass hier viele Rennradfahrer unterwegs sind. Wer nicht ganz so fit auf dem Rad ist, lässt es einfach gemütlicher angehen, und wer auf dem Sattel eines E-Bikes sitzt, kann das Auf und Ab ohnehin so gestalten wie es am besten passt.

Frau mit Fahrradhelm schaut auf einen See, im Hintergrund Hügel und Bäume.
Pause bei Clermont-sur-Berwinne.
Eine alte Lore, im Hintergrund zwei Radfahrerinnen.
In Kelmis erinnert noch vieles an die Bergbau-Vergangenheit der Region.

Wir fahren über das deutschsprachige Kelmis, einem ehemaligen Bergbau-Ort, und Moresnet weiter in das Städtchen Aubel.

Wenn der Radweg nicht von Wald gesäumt ist, bietet er tolle Einblicke in die Region: Grüne Weiden, Natursteinhäuser, Wallhecken, Kühe und Obstbäume charakterisieren das Herver Land, das hinter der Aachener Grenze beginnt und bis Lüttich reicht. In dieser urigen Landschaft werden bis heute eine Reihe von besonderen Lebensmitteln handwerklich hergestellt, die der Region ihren Ruf als Genussregion verliehen haben: Weit über die Grenzen des Herver Landes hinaus sind seine Biere bekannt, der Herver Käse, aber auch Saft, Cidre und Obstsirup, der hier aus regionalen Äpfeln und Birnen hergestellt wird.

Radfahrer auf einem autofreien Radweg mit viel Grün drumrum.
Hier lässt es sich gut radeln: Unterwegs auf dem L 38 im Herver Land.

Und sogar das Radfahren ist hier genussvoll möglich: Der Radweg RAVeL L38 zieht sich auf einer ehemaligen Bahntrasse durch das Herver Land und führt mit zahlreichen Kurven autofrei und mit nur moderaten Steigungen durch die grüne Region. Ab dem Aussichtsturm am Dreiländereck heißt er zunächst L 39, um dann hinter Plombieres zum L38 zu werden. 2021 wurde der L38/39 zum Best European Greenway gekürt.

Insgesamt sind es nur rund 50 Kilometer vom Startpunkt in Aachen bis Lüttich, aber die Strecke sollte aufgrund der Höhenmeter nicht unterschätzt werden. Wer den Radweg verlässt, um eine der Ortschaften am Wegesrand zu besuchen, darf mit knackigen Steigungen rechnen. Zum Glück sind die Autofahrer im Herver Land Radelnde offenbar gewohnt und überholen entspannt.

 

Wie häufig an ehemaligen Bahntrassen, so gibt es auch am L 38 einen Verein, der ehrenamtlich nicht nur Infos zur ehemaligen Eisenbahnlinie bietet, sondern auch alte Waggons restauriert. Bald soll es am Standort bei Plombieres ein Café und eine Besichtigungsmöglichkeit geben, erzählt uns einer der Eisenbahnenthusiasten, aber bis dahin liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor den Freiwilligen. Auf der Facebook-Seite des Vereins lässt sich der Fortschritt verfolgen.

Rostige alte Eisenbahnwaggons am L 38.
Am Rande des L38 wollen Eisenbahnfans alte Waggons wieder fit machen. Bis sie wieder begehbar sind, sorgen die dahinrostenden Stahlkolosse für Industrieromantik.


Rad fahren auf alten Bahntrassen und Treidelpfaden: RAVeL

Radständer, im Hintergrund Sonnenschirme und Infoschilder am L38.
Pause am L 38: Auch die Infrastruktur am Wegesrand ist auf Radfahrende ausgelegt.

In der Wallonie ist RAVeL die Abkürzung für Réseau Autonome de Voies Lentes, übersetzbar in etwa als unabhängiges Netz langsamer Wege – gemeint mit „langsam“ ist die autofreie Fortbewegung. Das RAVeL-Netz umfasst Treidelwege, stillgelegte Bahntrassen und weitere autofreie Wege, die gemeinsam ein Wander-, Reit-, Skate- und Radverkehrsnetz bilden. Die Routen werden als lignes, also Linien, bezeichnet. Viele tragen die Nummern der stillgelegten Bahnstrecken, auf denen sie verlaufen. Nach und nach werden die Linien aktuell von unbefestigten Strecken zu asphaltierten Routen, teilweise zusätzlich mit unbefestigtem Seitenstreifen, ausgebaut.

Besonders bekannt und beliebt bei Radfahrenden auch aus Deutschland ist der RAVeL 47 und 48, die Vennbahn, die ebenfalls ab Aachen befahrbar ist.

Damit es zwischen den einzelnen Nutzergruppen nicht zu Konflikten kommt, weisen Schilder jeweils auf zugelassene Nutzungsarten und Regeln des vorausliegenden Streckenabschnitts hin – so werden Radfahrende zum Beispiel bisweilen gebeten, sich durch Klingelzeichen bemerkbar zu machen.

Hier gibt es eine interaktive Übersichtskarte über die Ravel-Linien in der Wallonie und hier mehr Infos zu den RAVeL-Linien generell (auf englisch).



Alte Abtei mit bunten Fenstern aus Backsteinen.
Wunderschön: Die Abtei Val Dieu braut nicht nur traditionelles belgisches Bier, sondern ist auch ein beliebtes Ausflugsziel.

Wir radeln weiter den L38 entlang. In Aubel verlassen wir ihn, um einen Abstecher zur ehemaligen Zisterzienserabtei Val Dieu zu machen, die unter anderem für ihre regionalen Biere berühmt ist. Hier werden noch heute nach den alten Rezepturen der Mönche belgische Biere gebraut, die in der Flasche nachgären und ohne Zusätze von Aromastoffen und Gewürzen auskommen.

Ungefähr 30 Kilometer liegen nun seit Aachen hinter uns, und bei bestem Sommerwetter freuen wir uns über die Pause an der wunderschönen alten Abtei. Das Kloster ist ein beliebtes Ausflugsziel. Im Schatten großer Sonnenschirme gibt es im Abtei-Restaurant Kaffee, Kuchen und herzhafte Speisen sowie natürlich das berühmte Abteibier. Die Außenanlage der Abtei ist samt weitläufigem Park frei zugänglich. Die hübsche Abteikirche ist ebenfalls für alle offen, aber ins Innere des Klosters und in die Brauerei kommt man nur im Rahmen einer Führung.

Immer samstags: Regionale Betriebe laden ein

Eine Frau mit Brille schneidet ein Stück von einem großen Käse ab.
Katja Polinard schneidet ein Stück Bärlauch-Käse ab. Neben dem traditionellen Weichkäse des Herver Landes produziert ihre Käserei auch noch weitere Milch- und Käseprodukte.

Lust, lokalen Bäuer:innen und Produzent:innen des Herver Landes einmal über die Schulter zu schauen? Jeden Samstag laden sieben verschiedene Kleinbetriebe zur Besichtigung und zum Probieren ein. Sechs von ihnen liegen in unmittelbarer Nähe des Radwegs L38. Wir haben die drei von ihnen besucht, die in der Nähe der Städtchens Herve liegen. Von außen sehen die Fabrikationsgebäude recht unspektakulär aus, aber alle überraschen beim Besuch: Die Führungen sind so lehrreich wie unterhaltsam, die Produkte lecker, und die Gespräche über altes Handwerk, gute Zutaten und Traditionen regen zum Weiterdenken an.

In Le Hervre du Vieux Moulin dreht sich alles um den regionalen Herver Käse, einem Weichkäse, der hier aus Rohmilch hergestellt wird. „Die Kühe, von denen die Milch stammt, stehen quasi um die Ecke“, erzählt uns Katja Polinard, die zusammen mit ihrer Familie die Käserei betreibt, bei der Führung durch den kleinen Betrieb. Sie ist stolz auf ihre regionale Arbeit: „Die Kühe fressen in dieser Gegend sehr mineralreiches Gras. Das gibt unserem Käse seine besondere Note.“ Der Slow-Food-zertifizierte Käse wird nach einem alten Familienrezept hergestellt, von Hand gesalzen, gewendet und verpackt. Je nach Reifegrad schmeckt er mild oder würzig.

Ein Mann in einer Lagerhalle an einer Maschine.
Stolz auf seine Sirupfabrikation: Claudy Nissen im Familienbetrieb.

In der Siroperie Artisanale d’Aubel SA wird ein traditioneller Brotaufstrich hergestellt, der entfernt dem in Deutschland bekannten Rübenkraut ähnelt. Der südbelgische Aufstrich besteht allerdings nicht aus Rüben, sondern aus Äpfeln und Birnen. Sein fruchtig-süßer Geschmack wird ganz ohne Zuckerzusatz erzeugt. „Früher haben im Herver Land viele Bauern auf diese Art und Weise große Teile ihrer Obsternte haltbar gemacht“, erzählt Claudy Nyssen. Er gehört zur 12. Generation des Familienunternehmens, das sich dem 18. Jahrhundert ganz der Sirupfabrikation verschrieben hat. Heute gibt es nur noch wenige Betriebe, die diese alte Kunst der pflegen.

 

Flaschen mit Apfelsaft und ein Mann im Hintergrund.
Leckere Getränke aus heimischen Früchten gibt es im Atelier Constant Berger.

Wer sich auf die Samstags-Genusstour begibt, darf auch im Atelier Constant Berger haltmachen. Dabei handelt es sich mitnichten um ein Malstudio, sondern um eine Cidrerie. Hier stellen drei Engagierte in Eigenregie, Saft, Cidre und Hochprozentiges aus regionalen Äpfeln her. Dabei wird nichts verschwendet. Selbst die ausgepressten Apfelreste landen später im Futtertrog der Kühe.

Cidre ist relativ aufwändig in der Herstellung, lernen wir: Etwa ein Jahr braucht es, um das verkaufsfertige Getränk herzustellen, weil der Cidre zwischen den verschiedenen Verarbeitungsprozessen jeweils für einige Monate gelagert werden muss.

Der Apfelsaft, der hier produziert wird, schmeckt niemals gleich, weil sich die Zusammensetzung der Apfelsorten jeweils ändert, je nachdem, welche Sorten die Bäuerinnen und Bauern der Gegend liefern. Lecker ist das Ergebnis aber in jedem Fall. Unser persönlicher Favorit ist der Apfelsaft mit Holunder. Mhmmm!

 

Auf dieser Seite gibt es eine (französischsprachige) Übersicht über alle lokalen Produzenten und Verkaufsstellen im Herver Land.

Blumen, im Hintergrund Marktstände und Einkäufer.
Genuss-Einkauf am Sonntag: Der Markt in Aubel bietet neben lokalen Spezialiäten auch Kleidung und mehr.

Immer sonntags: Genussmarkt in Aubel

Wer an einem Sonntag noch ein Ausflugsziel in der Euregio sucht oder nach der Samstags-Genusstour alle regionalen Spezialitäten auf einmal einkaufen möchte, der ist auf dem Sonntagsmarkt in Aubel richtig. Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts lädt das Städtchen jeden Sonntag Einheimische und Touristen zum Bummeln und Genießen ein. Im Ortszentrum gibt es dann nicht nur den Herver Käse, Cidre und lokalen Sirup, sondern auch frisches Brot, Blumen, Obst und Gemüse sowie Kleidung zu kaufen. Bei vielen Verkäufer:innen darf probiert werden. Weitere gastronomische Stände sorgen zum Beispiel mit Suppen und Flammkuchen für das leibliche Wohl.

Ein Mann hält eine Packung Waffeln in die Kamera.
Aubel mag zwar ein kleiner Ort sein, aber er hat - typisch Belgien! - sogar seine eigenen Waffeln.

Das Herver Land

… liegt im Herzen der Euregio Maas-Rhein zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht. Es wird im Westen und Süden begrenzt von den Flüssen Maas und Weser (Vesdre), im Norden von den Niederlanden und im Osten von Deutschland. Das Herver Land ist nicht besonders groß – an jedem Punkt ist man maximal 25 Kilometer vom nächsten Punkt entfernt.

 

In Le Herve, wie es auf französisch heißt, spricht man neben der Landessprache auch Deutsch, Englisch, Flämisch, Platt und Niederländisch – oder von allem ein bisschen. Die freundlichen Menschen helfen schnell über eventuelle Sprachbarrieren hinweg.

 

Mehr als nur Radfahren

Im Herver Land warten neben dem L 38/39 auch noch 500 Kilometer beschilderte Wanderwege und 150 Kilometer Reit- und Mountainbiketrails. Außerdem gibt es hier gleich drei Örtchen, die zu den schönsten der Wallonie zählen: Clermont-sur-Berwinne liegt fast direkt am L38, Olne und Soiron sind etwas weiter südlich zu finden.

Wo übernachten?

Es gibt in dieser malerischen Gegend selbstredend keine Hotelbunker. Stattdessen sorgen vielerorts kleine Bn'Bs für eine persönliche Note. Exklusiv ist das Hotel Aux Etangs in der Nähe von Hervre, dessen sieben schallisolierte Zimmer jede Menge Ruhe und Erholung bieten. Auch das angeschlossene Restaurant bietet besondere Gaumenfreuden.

Eine Liste aller Übernachtungsmöglichkeiten im Herver Land gibt es hier.

 

Essen gehen

Die Küche ist ländlich geprägt und besitzt einen französischen Einschlag, es finden sich also auch schon mal Schnecken oder Froschschenkel auf der Karte. Vegetarisches Essen ist oft sehr käselastig. Wer vegan essen möchte, klärt das am besten vor dem Besuch des Restaurants ab. Generell ist das Essen in Belgien etwas teurer als in Deutschland. Wie überall in Belgien gibt es aber auch im Herver Land zahlreiche günstige Pommesbuden. Die berühmten belgischen Pommes sind, genau wie das bekannte belgische Bier, ebenfalls auf jeder Restaurantkarte zu finden.


Blick in ein grünes Tal.
Grüne Ausblicke wie diesen hier gibt es entlang des Radweges im Herver Land.

Nach der Ruhe und Natur des Herver Landes erscheint die Autostadt Aachen umso lauter. Erst jetzt, als wir am Rande einer sechsspurigen Straße auf den Aachener Hauptbahnhof zuradeln, erleben wir die letzte Überraschung: Uns wird klar, wie erholsam der Ausflug nach Belgien tatsächlich war.

Da hilft nur eins: Wiederkommen!

Fachwerkhaus an einer Straßenkreuzung.
Wie aus der Zeit gefallen: Straßenkreuzung mit Fachwerk in Aubel.

Weitere Informationen

  • Alles rund um Ausflüge, Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsmöglichkeiten im Herver Land gibt es auf der entsprechenden Tourismus-Seite (auch auf deutsch): paysdeherve.be
  • Die Strecke von Aachen bis Val Dieu gibt es zum Nachradeln bei Komoot.