Die junge Ich-Erzählerin Hazel kehrt während einer langen Dürre in die amerikanische Kleinstadt Mirror Lake zurück, in der sie einst aufwuchs, weil ihr Vater überraschend an einem Herzanfall gestorben ist. Der Anlass bietet nicht nur Grund zum Trauern, sondern auch ein Wiedersehen mit ihrer alten Flamme sowie mit ihren zwei Brüdern und Hazels ehemaliger besten Freundin, die mittlerweile mit einem der Brüder verheiratet ist.
Doch auch der Ort selbst hat sich verändert, und das liegt vor allem an der ungewöhnlich langen regenfreien Periode. Der Pegel des namensgebenden Sees ist so tief wie nie zuvor gesunken, und noch während der Trauerfeier wird ein eben entdecktes Autowrack aus dem See geborgen, ohne das klar ist, wer es dort versenkt haben könnte – oder warum. Das Ereignis bietet Anlass für Spekulationen und Gerüchte in diesem Ort, in dem sonst nur wenig geschieht. Eine weitere Überraschung hält das Testament des Vaters bereit: Ausgerechnet Hazel, die als einzige aus der Familie fortgezogen ist, soll das Haus am See erben.
Dabei möchten die beiden Brüder, die nach wie vor in Mirror Lake wohnen, es eigentlich gerne haben. Da sind Streitigkeiten vorprogrammiert, die aber nicht offen ausgetragen werden, sondern sich in Halbsätzen und Andeutungen äußern.
Ähnlich wie bei einer Zwiebel, der man Hautschicht um Hautschicht abzieht, offenbart die fortschreitende Dürre in „Die Tochter“ während der wenigen erzählten Tage nach und nach immer neue Tatsachen, die die Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen. So stellt sich heraus, dass Hazel nicht die leibliche, sondern die Adoptivtochter der Familie ist. Sie ist im Alter von 14 Jahren aufgenommen worden, als ihre Mutter spurlos verschwand. Als dann ein zweites Auto aus dem See geborgen wird, und sich herausstellt, dass es sich dabei ausgerechnet um das Auto der verschollenen Mutter handelt, kommen die Geschehnisse ins Rollen. Da ist man aber schon halb mit dem 430-Seiten-starken Buch durch.
"Die Tochter" erzählt langsam und ruhig von Geheimnissen
Darum ist „Die Tochter“ nichts für Ungeduldige. Das Label „Thriller“ auf dem Cover kann hier eventuell in die Irre führen, denn wirkliche Action gibt es erst zum Schluss. Eine Bezeichnung wie „psychologischer Kriminalroman“ träfe die Erzählung besser. Menschen, die gerne fein gesponnene Kleinstadt-Geschichten lesen, sind hier allerdings genau richtig. Außerdem verfügt Megan Mirinda über einen sehr passenden lakonisch-bildhaften Schreibstil, der beim Lesen immer wieder Freude macht – zum Beispiel, wenn das Auto geborgen wird:
„In diesem Moment ertönte vom See her ein Geräusch, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Es klang nach etwas, das darum kämpft, unten zu bleiben. Das Wasser schäumte und blubberte, als ob es versuchen würde, seine Beute festzuhalten. Und dann tauchte mit einem Mal die Spitze des Fahrzeugs auf.“
Oder bei Beschreibungen von Land und Leuten:
„Sonnys Haus lag am Ende der Straße, verborgen wie ein Geheimnis. [...] Wäre die Landschaft grün gewesen, hätte es vielleicht an die Szenerie aus einem Märchen erinnert. Aber so wirkte es eher, als würde das Haus langsam, aber sicher mit der braunen Landschaft verschmelzen, um eines Tages völlig von ihr verschluckt zu werden.“
Und natürlich ist der Name „Mirror Lake“ nicht zufällig gewählt, sondern Programm: Genauso, wie wir in einem Spiegel manchmal Dinge sehen, die uns nicht gefallen, so zeigt auch Megan Mirinda in glühender Hitze und bei immer weiter sinkendem Pegel ihrer Protagonistin Dinge, die sie lieber vergessen oder niemals erfahren hätte. Aber das können sich Romanfiguren nun wirklich nicht aussuchen, und so muss auch Hazel durchhalten, bis am Ende der erlösende Regen fällt – endlich.
Megan Miranda: Die Tochter. Du dachtest, niemand würde es je erfahren. Penguin Verlag 2026
ISBN: 9-78-3-3281-11-467, 431 Seiten, 16 Euro (Paperback).
Mehr Infos und Bestellmöglichkeiten auf der Seite des Verlags.
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