
Von Nordrhein-Westfalen aus ist der Weg nach Leipzig verhältnismäßig weit. Doch jedes Jahr im Frühling lockt nicht nur die wunderschöne, alte Stadt, sondern auch die Leipziger Buchmesse als große Publikumsveranstaltung. Lohnt sich der weite Weg - für Publikum, Lesefreudige, Fachmenschen und Ausstellende? NRW Alternativ war 2026 vor Ort, um neue Bücher und Verlage zu entdecken und berichtet von der Messe.
Es ist voll. Wahnsinnig voll. Schon die Schlangen vor dem Einlass sind so lang, dass sie ständig fotografiert werden. Am Ende heißt es vonseiten der Messe: 313.000 Besuchende waren an den vier Tagen vor Ort - das ist ein neuer Rekord, im Jahr zuvor ist man noch knapp unter der Marke von 300.000 geblieben. Doch der Einlass geht verhältnismäßig schnell vonstatten - offenbar hat die Messe aus der Kritik der letzten Jahre gelernt - und dann geht es hinein in den bunten Buchtrubel der fünf Hallen, die ebenfalls von mehr Ausstellenden als noch vor einem Jahr besetzt sind. Über 2.000 Verlage, Selfpublisher, Publizisten, Grafiker und Artverwandte lassen sich dort entdecken, größtenteils aus Deutschland, aber auch aus vielen anderen Ländern. Mit dabei ist die Manga-Comic-Con, die in der kompletten Halle 1 und in Teilen von Halle 2 ihr Zuhause gefunden hat, die Antiquariatsmesse, die für alle interessant ist, die seltene Bücher sammeln und noch einige Fachmeilen mehr.
Außerdem gibt es in jeder Halle zahlreiche Fachvorträge, Gesprächsrunden und Lesungen - teils von ambitionierten Newcomern, teils von bekannten Szenegrößen. Nicht nur fürs Publikum ist das interessant, sondern auch für die Vortragenden, denn egal zu welchem Themen gelesen und gesprochen wird: Immer und überall finden sich Interessierte, die spontan oder geplant stehen bleiben und zuhören. Hinzu kommt der Signierbereich, in dem Schlangestehen für ein Autogramm nichts Besonderes, sondern der Regelfall ist. Apropos Schlangestehen: Egal, ob für die Toiletten, für den Cappuccino oder die Kleinigkeit für Zwischendurch: Wer keine Lust aufs Anstellen hat, sollte Leipzig meiden. Ein Tipp sind die (sehr sauberen!) Toiletten im Außenbereich, die die Messe zusätzlich hat aufstellen lassen. Obwohl große Schilder darauf hinweisen, war es dort bei weitem nicht so überlaufen wie im Inneren der Messe.

Die Leipziger Buchmesse ist eine Publikumsmesse, das heißt, im Gegensatz zu Frankfurt darf dort ab dem ersten Tag verkauft und gekauft werden, was das Zeug hält - und deshalb kommen viele Menschen auf die Messe und tun genau das. Kein Wunder: Die Auswahl ist riesig, die Zahl der Neuerscheinungen hoch und die Chancen, die Autor:innen persönlich zu treffen, stehen sehr gut. Die Leipziger Buchmesse ist also mehr als nur ein Einkaufsort, sie ist ein Erlebnis und ein Ort, an dem man neue persönliche Lieblinge entdecken kann - oder entdeckt wird. Es geht wesentlich weniger steif zu als in Frankfurt, denn das klassische Verlags- und Lizenzgeschäft findet in Leipzig kaum statt. Nur selten sind Menschen in Anzug oder Bluse zu sehen. Stattdessen dominieren die Cosplayer das bunte Treiben, und die sind allesamt jung und farbenfroh. Sie halten sich nicht an klassische Outfitregeln, manche tragen einfach Elfenohren zu Jeans und T-Shirt, andere haben sich die Mühe gemacht, neben offenbar selbstgeschneiderten Fantasie-Kostümen und aufwendigem Kopfputz auch noch übergroße Anime-Waffen aus Schaumstoff mitzubringen. Einige von ihnen stellen auch bekannte Figuren aus Filmen und Serien dar. Wer genug Zeit mitbringt, kann zwischendurch innehalten und einfach mal das Treiben und die vielen unterschiedlichen Kostüme und Bekleidungsarten in sich aufnehmen. Denn auch dafür steht Leipzig: Für die Freiheit und den Individualismus, für die Möglichkeit, sich so zu kleiden und das zu lesen, was persönlich gefällt - und nicht das, was Gesellschaft oder Mainstream als angemessen erachten.
Kein Wunder also, dass Staatsminister Weimar nach seinem Ausschluss von drei für den Buchhandlungspreis nominierter Buchhandlungen auf seiner Eröffnungsrede in Leipzig ausgebuht wurde. Seinen Messerundgang sagte er vorsorglich ab - vermutlich wäre er mit mehr als nur sprichwörtlichen faulen Eiern beworfen worden. Gilt Leipzig schon traditionell als politisch linke Stadt, so gilt das vermutlich noch mehr für die Buchmesse, auf der die Freiheit des Wortes und der Meinung gefeiert werden. Der auf den Eklat folgende Medienrummel wird der Messe nicht geschadet haben - ganz im Gegenteil hat die Leipziger Buchmesse eindrucksvoll damit bewiesen, dass sie sich und ihren Prinzipen treu bleibt, egal, welcher politischen Ausrichtung der aktuell zuständige Politiker folgt.
Und auch das ist ein Unterschied zu Frankfurt: Leipzig ist mehr als nur ein Branchengeschäft. Hier geht es um Menschen, die Bücher, das Schreiben und das Lesen lieben - und das ist überall mit den Händen zu greifen.
Hinzu kommen auch kulturpolitisch wichtige Veranstaltungen rund um die Messe wie die Verleihung des Leipziger Buchpreises, der Schwerpunkt auf das jeweilige Gastland (diesmal: Die Donau-Region) und zahllose Medienberichte. Leipzig ist ein deutschlandweit wichtiges Ereignis, das in ganz Zentraleuropa wahrgenommen wird.
Buchmesse zwischen Literaturvermittlung und Wirtschaftsfaktor
Doch es gibt auch Kritik: Die Messe sei zu laut, zu voll, zu sehr auf den aktuellen Publikumsgeschmack fixiert. Letzteres ist bei Weitem keine Kritik an den zahllosen Cosplayern, wie man vielleicht meinen könnte. Der aktuelle Massentrend bedeutet immer noch: New Adult, also Literatur für junge, meist weibliche Erwachsene, vornehmlich Liebesromane mit Farbschnitt und Cover in verschiedenen Rosatönen. In diesem Segment waren nicht nur die größten Stände zu sehen, sondern auch die längsten Schlangen. Bei New Adult gibt es wiederum Subgenres wie Dark Romance - die Liebesbeziehung zwischen einem unschuldigen Mädchen und einem bösen, meist gewaltbereiten Jungen - , Romantasy - genau, Romantik und Fantasy - oder Sports Romance - mindestens ein Teil der potenziellen Beziehung ist Profisportler - und so weiter. Ob es gut ist, dass junge Menschen sich überhaupt für's Lesen interessieren oder eher schlecht, dass es oft nur bessere Groschenromane sind, für die sie sich interessieren, ist hier der Zankapfel. Es fehle an ernsthafter Literatur auf der Leipziger Buchmesse, war ein ums andere Mal zu hören. Dabei gab es durchaus die Stände der Lyrikverlage, der politisch engagierten Literatur und der Nischenthemen - nur waren die naturgemäß weder so laut noch so groß wie die der New-Adult-Titel. Und das darf nicht verwundern: Solange es in Deutschland nicht - wie beispielsweise in Österreich - eine institutionelle Literaturförderung gibt, solange haben diese anspruchsvollen Produkte wenig Chancen auf den gleichen Hype wie New-Adult-Titel, die allein durch ihre wirtschaftliche Macht das Messegeschehen dominieren. Denn man sollte bei allem kulturellem Anspruch nicht vergessen, dass eine Messe vor allem ein Markt ist, auf dem sich alle tummeln, die es sich leisten können und die sich davon einen Gewinn versprechen. Die Buchbranche ist, ähnlich wie die Musikindustrie, auf wenige große Top-Titel ausgelegt, die vieles andere mitziehen. Auch in der Musikbranche sind es die Schlager, die den größten finanziellen Gewinn abwerfen. Dabei existiert so viel tolle, experimentelle, persönliche und künstlerische Musik - sie wird nur nicht nach vorne gestellt, weil sie sich nie so gut verkaufen wird wie massenkompatible Melodien zum Mitsingen.

Zurück zur Leipziger Buchmesse: Genau das aber ist einer der schönen Seiten der Messe: Dass sich die ganze aktuelle Vielfalt der Literatur dort entdecken lässt - von Massentiteln bis hin zu kleinen Indie-Perlen. Und gerade letztere gibt es im Osten Deutschlands noch mal ganz anders als im Westen, in Frankfurt. Kleine und Kleinstverlage beschäftigten sich hier mit DDR-Geschichte, mit Sozialismus genauso wie mit Alltagsthemen. Es ist wichtig, dass diese vor allem regional verankerten Projekte eine Bühne erhalten, dass sie auch für die zahllosen Menschen aus westlicheren Teilen Deutschlands sichtbar sind, denn es sind spannende Geschichten und wertvolle Blickwinkel, die sich in Leipzig präsentieren, die aber in Frankfurt größtenteils fehlen. Und da ein Messestand in Leipzig noch immer um einiges günstiger ist als einer in Frankfurt, finden sich auf der Leipziger Buchmesse auch viele professionelle Selfpublisher und Eigenverlage, die Aufmerksamkeit generieren und ihr Stück vom Publikums- und damit Verkaufskuchen abbekommen möchten. Den begeisterten Berichten in den sozialen Medien und den allenthalben lächelnden Gesichtern auf der Messe zufolge gelingt dies im Regelfall auch.
Leipzig liest
Gewissermaßen als schöner Bonus findet parallel zur Messe jedes Jahr "Leipzig liest" statt, den Angaben der Veranstaltenden zufolge "Deutschlands größtes Lesefestival". Mit über 2.000 Veranstaltungen an drei Tagen in der gesamten Stadt ist es in der Tat eine Veranstaltung, die ihresgleichen sucht - und die jedes Jahr nicht nur Messebesucher, sondern auch Menschen aus Leipzig und dem Umland anzieht. Die Art und Anzahl der Lesungen unterscheidet sich inhaltlich sehr stark. Stars wie Sebastian Fizek, Alice Schwarzer und Ursula Poznanski waren in diesem Jahr genauso vertreten wie zahlreiche neue Stimmen und Autor:innen kleinerer Verlage. Die Leseorte reichen von der Messehalle bis hin zum Stehcafé. Teilweise lohnt sich der Besuch einer Lesung alleine schon wegen des interessanten Umfeldes. Mittlerweile kosten die meisten Lesungen leider Geld, wenn auch die Preise sehr human sind: Eine Einzellesung ist zwischen fünf und zehn Euro zu haben, Mottonächte an größeren Orten mit vielen Lesungen parallel, zum Beispiel die "Lange Leipziger Lesenacht" oder die "Nacht der nordischen Literatur" sind für rund 20 Euro zu haben. Es gibt aber nach wie vor auch kostenfreie Angebote. Leider lässt sich das Angebot auf der Seite der Leipziger Buchmesse nicht nach den Eintrittspreisen filtern, da die Beschreibungen den Eintrittspreis auch nicht immer klar benennen. Hier wäre etwas mehr Einheitlichkeit wünschenswert. Zu empfehlen sind auch die Angebote der Klimabuchmesse, die sowohl als Teil von Leipzig liest als auch als eigenständiges Festival funktioniert. Hier stehen gemäß dem Motto "Bücher, die Lust auf Zukunft machen" im Vordergrund, es gibt aber auch Podiumsdiskussionen und Workshops.
Als aufgrund der Corona-Beschränkungen die Leipziger Buchmesse ausfallen musste, hieß es oft: Braucht die Buchbranche überhaupt zwei Messen im Jahr? Reichte nicht auch ein großer Branchentreff, eine Zusammenkunft im Jahr? Wer in Leipzig war, weiß: Nein, tut es nicht. Die Leipziger Buchmesse ist nicht nur als Termin für die zahllosen Frühjahrsneuerscheinungen wichtig, sondern auch als Veranstaltung für eine alternative Buchkultur und für die zahllosen Fans der aktuell angesagten Genres, zudem für örtliche Schulklassen und jugendliche Cosplayer. Die Leipziger Buchmesse unterscheidet sich in ihrem Profil, mit ihren Ausstellenden und auch mit dem Publikum deutlich von Frankfurt - und genau das macht sie zu einer so spannenden Messe. Lohnt sich also der Weg in den Osten auch von NRW aus? Für alle, die Bücher lieben, gibt es nur eine Antwort: Unbedingt.
Die nächste Leipziger Buchmesse findet vom 27.-30. März 2027 statt.
Hier geht es zum offiziellen Rückblick mit Zahlen und Daten der Leipziger Messegesellschaft.
Mehr Infos: leipziger-buchmesse.de


