Das im Frühjahr bei Dryland Records erschienene Album „Rad“ ist nach „Visa Nornir“ und „MondCult“ der mittlerweile dritte Streich der weiblichen Pagan-Folker mit Wurzeln im Münsterland und Ruhrgebiet. Waren bei der Produktion dieses dritten Albums passenderweise noch drei Musikerinnen am Werk und sind auch auf dem Cover zu sehen, treten die Frauen mittlerweile wieder als Duo auf.
Auf „Rad“ dreht sich - Entschuldigung, das Wortspiel musste einmal sein - inhaltlich alles um jene Kreisläufe in der Natur, die bis heute unseren Alltag prägen: Von den immer wiederkehrenden Jahreszeiten über weibliche Zyklen bis hin zu jenen gesellschaftlichen Mustern, die sich seit Jahrhunderten stetig wiederholen.
Ja, „Rad“ ist ein zutiefst feministisches Album. Zu dieser Deutung über sich selbst hinaus passt die Unschärfe der drei Frauen auf dem Cover, denen es offenbar nicht um eine Abbildung ihrer selbst selbst geht, sondern darum, wofür sie stehen: Weiblichkeit und Naturverbundenheit, Vielfalt und Verschiedenheit – ohne sich auf ein bestimmtes Äußeres, ein Jahrhundert oder eine kulturelle Strömung festlegen zu wollen. Ein erster Hinweis auf eine mögliche historische Präferenz gibt allerdings die eigenwillige Schrift, die an geritzte Runen und archaische Felszeichnungen erinnert.
Wer in "Rad" hineinhört, wird diesen Verdacht bestätigt finden: Die Instrumentierung besteht vor allem aus historischen Klangerzeugern wie Drehleier, Harfe und unterschiedlichen Flöten. Dazu gesellt sich ein- und zweistimmiger Gesang. Das Ergebnis könnte kitschig klingen, doch davon ist „Rad“ ungefähr so weit entfernt wie ein Hexenzirkel vom Papstthron. Die Musik klingt erdig und ungeschliffen, die Produktion ist genau wie der Gesang roh und archaisch gehalten. Diesen Damen geht es ganz offenbar nicht darum, massentaugliche und angenehme Musik zu bieten. Die einzelnen Lieder auf „Rad“ wollen bewusst gehört werden. Dazu passen Auftritte von Brisinga in Planetarien und Freilichtmuseen.
Pagan-Folk als E-Musik
Wer Musik in "E" wie ernsthaft (also Klassik und Co.) und "U" wie unterhaltend einteilen will, steht bei Pagan Folk eigentlich auf der Seite des "U", denn das ist Musik, die vor allem durch ihren Live-Charakter lebt, durch das Zelebrieren des Anders-Seins; Musik, die sich an ein feierwilliges und alternatives, aber nicht unbedingt akademisches Publikum richtet. Brisinga jedoch, so scheint es, haben mit "Rad" ein E-Pagan-Folk-Album aufgenommen, ein Album, dass so verkopft ist, dass viel von der spielerischen Leichtigkeit, die Folk generell auszeichnet, verloren geht.
Das aber ist sicherlich kein Versehen, sondern gewollte Herausforderung. Fanny und Fabienne sind studierte Musikerinnen, die überdies entsprechende künstlerische Wurzeln mitbringen. So sind die beiden nicht nur mit Brisinga musikalisch in der Pagan- und Mittelalter-Szene aktiv. Sie standen zeitweise mit Bands wie Waldkauz auf der Bühne und traten bereits mehrfach im Vorprogramm von Corvus Corax auf. Fabienne ist überdies bis heute für die Piraten-Metaller von Storm Seeker an der Drehleier aktiv.
Bei all dieser musikalischen Expertise wundert es nicht, dass die Melodien auf „Rad“ für ein Pagan-Folk-Album überraschend komplex sind – und zwar so komplex, dass auch beim mehrmaligen Hören trotz häufiger Wiederholungen kaum etwas davon im Ohr bleibt. Diese Form ist Stärke und Schwäche des Albums zugleich: Ermöglicht „Rad“ auf der einen Seite all jenen, die Pagan Folk generell mögen, einen tieferen Zugang zu Inhalt, Melodie und Struktur, wird das Album auf der anderen Seite für viele Menschen nicht eingängig und geschliffen genug sein. Für den großen Durchbruch ist „Rad“ definitiv zu experimentell. Aber vielleicht ist genau das gut so. Denn wenn es auf dem Album inhaltlich um unangepasste Frauen und Selbstbestimmung geht, wären massentauglichen Melodien auch einfach die falsche Wahl.
Zum Reinhören: Rad/1538
Das Lied thematisiert das Schicksal der Bäuerin Abelke Bleken, die im Hamburg des 16. Jahrhunderts als Hexe verbrannt wurde. Ihre Erwiderungen im Gerichtsprozess sind ausnahmsweise erhalten geblieben und verdeutlichen Machtstrukturen einer patriarchalen und auf Profit ausgerichteten Gesellschaft. Unklar ist, wie die Jahreszahl zu dieser Geschichte passt, denn die Hamburgerin wurde 1583 hingerichtet.
Wer mehr vom aktuellen Brisinga-Album hören möchte, findet es auf den gängigen Streaming-Portalen oder direkt bei Dryland.
Die NRW-Alternativ-Rezension des 1. Albums, Visa Nornir, findet sich hier.
