Alexander Smith: Leben und Taten der berühmtesten Straßenräuber, Mörder und Spitzbuben Englands

Alexander Smith: Leben und Taten der berühmtesten Straßenräuber, Mörder und Spitzbuben Englands. Der True Crime Klassiker von 1714. Mit 14 Illustrationen. Anaconda 2025.
Alexander Smith: Leben und Taten der berühmtesten Straßenräuber, Mörder und Spitzbuben Englands. Der True Crime Klassiker von 1714. Mit 14 Illustrationen. Anaconda 2025.

Ein „True Crime Klassiker von 1714“- so betitelt der Verlag die Wiederauflage dieses über dreihundert Jahre alten Werkes. Grundsätzlich ist das nicht falsch, nur dass die Definition von "true crime" im 18. Jahrhundert eine ganz andere gewesen ist als heute, das wird bei der Lektüre schnell deutlich. Inhaltlich hält das mit 9.95 Euro für das Hardcover sehr preiswerte Werk genau das, was der Titel verspricht - wenn auch die Form alles andere als modern ist. 

Es wäre interessant, herauszufinden, was den Verlag dazu bewogen hat, diese Sammlung von Pamphleten neu aufzulegen. Denn ein Mehrwert gegenüber älteren Ausgaben ist nicht zu erkennen. Zudem suggeriert das Cover mit Big Ben, Melone und Hemdkragen eine wesentlich spätere zeitliche Epoche. Das Vorwort ist auch bereits über 40 Jahre alt, es stammt aus dem Jahr 1984, hilft aber bei der Einordnung der Texte. Und das ist auch nötig: "Leben und Taten ..." ist eine Zusammenstellung von Pamphleten, wie sie in der Frühen Neuzeit bei Hinrichtungen verkauft wurden. Die ordnet der Autor jeweils zu einer Art  lückenhafter und vor allem schwer zu lesender Biografie an - denn die Übersetzung stammt,  genau wie das Original, vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Hilfreich sind ein Glossar im Anhang, der einige der unbekannten Wörter erklärt, und die Anmerkungen zu Personen- und Ortsnamen, die uns heute nicht mehr geläufig sind.

Gesammelte Pamphlete der Frühen Neuzeit

Als das Werk zum ersten Mal gedruckt wurde,  war die französische Revolution noch nicht mal am Horizont zu sehen, die Industrialisierung nicht existent und die Moderne an sich und überhaupt noch ganz weit weg. Aus historischen Filmen und Serien bekannt sind die Menschen, die Papier schwenkend über Hinrichtungsplätze laufen, kurz bevor die Menschen sterben - solche Papiere sind hier zusammengestellt. Daniel Defoe und Jonathan Swift sind auch heute noch bekannte englische Autoren dieser Zeit.

Über den Autor dieser Zusammenstellung, Alexander Smith, ist hingegen nicht viel bekannt, vermutlich nutzt er ein Pseudonym. Allerdings ist er Urheber weiterer, ähnlicher Werke wie der „Geheimen Lebensgeschichte der gefeiertsten Schönheiten“ und einem Wörterbuch der Gaunersprache - kurz: Im 20. Jahrhundert hätte er vermutlich für die Bild-Zeitung gearbeitet, im 21. vielleicht mit Skandal-Videos auf großen Social-Media-Plattformen seinen Unterhalt verdient.

Weil das Werk dieses ominösen Szene-Kenners aber dreihundert Jahre alt ist, hat es seinen ganz eigenen Charme. Zitat aus der Vorrede (S.30): „Aus der Beschreibung desjenigen, was ein jeglicher im Schilde geführet, wird der geneigte Leser die allerseltsamsten Geschichten leichtfertiger Schandtaten, die jemals erhöret worden, erkennen lernen; welche alle aus ihrem eigenen Munde nachgeschrieben und nicht von der Aussage, so die Übeltäter einem oder dem anderen von den Amtspersonen zu Newgate getan, geborget worden.“ 

Das ist doch mal eine blumige Sprache, nicht wahr? Vor allem die Bandwurmsätze machen dabei aus heutiger Sicht zu schaffen. Inhaltlich sagt der Autor, er habe mit allen Porträtierten persönlich gesprochen und sich nicht auf indirekte Aussagen verlassen - was der Autor des Vorwortes von 1984 übrigens entschieden zurückweist. Genau wie bei der Zusammenstellung von True Crime heute ist auch damals schon Fakt mit Fiktion vermischt worden. 

... Welches vermittelst ein wenig Blei ...

Genauso lesen sich dann auch die einzelnen Fälle und Szenenbeschreibungen. Hier ein Beispiel: Smith zitiert die Räuber anstatt nur mit der Formel „Geld oder Leben!“ mit wunderbaren Aufforderungen wie diesen: „Derowegen mache los und gib Geld her, sonst will ich dir zu erkennen geben, dass, obschon dein Orvietan Gift austreibet, es doch nicht kräftig genug sei, der Gewalt des Schießpulvers zu widerstehen, welches vermittelst ein wenig Blei deinen Leib ärger voller Löcher machen soll als ein Sieb.“ (S. 55)  Das liest sich auf einigen Seiten ganz amüsant, wird aber schnell ermüdend, weil die Lesenden während des Lesens immer überlegen müssen, was da eigentlich ausgesagt wird. Die sprachliche Distanz zu heutiger Literatur ist einfach zu groß, um das Werk überhaupt genussvoll aufnehmen zu können. Damit eignet es sich vielleicht als Lektüre für akademisches Fachpersonal oder Kuriositätensammler - die wären mit einer der früheren Ausgaben aber genauso gut bedient. 


Alexander Smith: Leben und Taten der berühmtesten Straßenräuber, Mörder und Spitzbuben Englands. Der True Crime Klassiker von 1714. Mit 14 Illustrationen. Anaconda 2025.

Hardcover, 448 Seiten, 9,95 Euro

ISBN 978-3-7306-1528-7

Hier geht es zur Info-Seite des Verlags mit weiteren Infos. 


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